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Freitag, 19. März 2021

Der Zeugen Jehovas-Blogger "Fossilisus" erklärt, warum Jehovas Zeugen die wahre Religion seien


Zeugen Jehovas sollen lt. klaren Anweisungen keine eigenen "evangelistischen" Websites betreiben. Dennoch fühlen sich in Deutschland gleich zwei Zeugen Jehovas dazu berufen, einen anonymen Blog zu betreiben, auf dem sie ihren Glauben verteidigen. Hin und wieder gucke ich darauf, um ein bisschen zu reflektieren. Auf einem der Blogs namens "Verteidigung eines unpopulären Glaubens" schreibt der Autor zum Thema wahre Religion im Kommentarbereich:

"Wie in meinem Artikel beschrieben kann man die Christenversammlung von damals nicht 100-prozentig mit der Christenversammlung von heute gleichstellen. Wie sollte man wahre Christen heute erkennen, wenn es keine Wundergaben mehr gibt die es eindeutig machen?
Kurz vor seinem Tod nannte Jesus ein bleibendes Kennzeichen, durch das man seine wahren Nachfolger identifizieren könnte. Er sagte: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe unter euch habt“ (Johannes 13:35). Interessanterweise steht in demselben Vers, in dem angekündigt wird, dass die Wundergaben aufhören werden: „Die Liebe versagt nie“ (1. Korinther 13:8).
Unter den neun Bestandteilen der „Frucht“ des heiligen Geistes Gottes steht die Liebe an erster Stelle (Galater 5:22, 23). Somit würden sich alle, die wirklich Gottes Geist — also seine Unterstützung — haben, durch echte Liebe auszeichnen. Der dritte Bestandteil der Frucht des Geistes ist übrigens Frieden. Daher müssten diejenigen, die heute über den heiligen Geist verfügen, den Frieden fördern und sich deutlich von Fanatismus, Rassismus und Gewalt distanzieren.
Nun noch einmal zu Apostelgeschichte 1:8. Jesus sagte ja voraus, dass seine Jünger Kraft empfangen würden, um „bis zum entferntesten Teil der Erde“ Zeugen von ihm zu sein. Das würde so weitergehen, „bis das Ende dieser Welt gekommen ist“ (Matthäus 28:20, Hoffnung für alle). Folglich sollte das weltweite Predigen bis heute ein Kennzeichen derer sein, die wirklich die Kraft des heiligen Geistes empfangen haben.
Hinter wem steht der heilige Geist heute? Welche Personengruppe entfaltet die Frucht dieses Geistes — besonders Liebe und Frieden — so konsequent, dass sie sich weigert Waffen zu tragen, selbst wenn das staatliche Repressalien zur Folge hat? (Jesaja 2:4). Welche Gruppe kämpft bewusst gegen die Werke des Fleisches wie sexuelle Unmoral und entfernt reuelose Sünder sogar aus ihrer Mitte? (1. Korinther 5:11-13). Wer predigt rund um den Globus die gute Botschaft von Gottes Reich, der einzigen Hoffnung für uns Menschen? (Matthäus 24:14)."

D.h., dass seiner Meinung nach allein schon deshalb, weil Jehovas Zeugen die einzige Religion seien, die in dieser Größe geschlossen apolitisch, jeglichen Kriegs- und Militärdienst ablehnend, klar antirassistisch und die biblische Sexualmoral einhaltend ist, dies ein eindeutiger Beweis sei, dass dies die einzigartige und einzige wahre Religion ist, die von Gottes Heiligem Geist geleitet wird. Diesen Gedanken finde ich sehr erstaunlich, denn er zeigt einem Außenstehen die innere Gedankenwelt, die ein Zeuge Jehovas Tag für Tag hat. "Es gibt doch keine Alternative, wenn man nach der Bibel leben will. Die anderen tun es ja nachweislich nicht." Selbst der "Ausschluss" für Gründe, die gar nicht in der Bibel stehen wird hier als Beweis für Leitung Gottes gesehen, da niemand sonst diese Konsequenz habe. Besonders stolz ist man auf das "weltweite Predigtwerk", das besonders davon beflügelt ist, dass es wöchentlich eine extra Zusammenkunft zum Lernen von Methoden für den "Haus zu Haus-Dienst" gibt und am Ende des Monats jeder aktive Zeuge Jehovas einen "Predigtdienstbericht" abgibt, auf dem er u.a. die Stundenanzahl notiert, die er in diesem Monat aufgewendet hat, um diesen Dienst zu tun. Wenn die Stundenanzahl unter dem Schnitt liegt (in Deutschland sind es 9h pro Monat), wird früher oder später ein Gespräch zur "Ermunterung" gesucht. Aber im Ergebnis haben sie es dadurch geschafft, dass jeder ihren "Predigteifer" wahrnimmt und bewundert. Und so wird jeden Tag die Alternativlosigkeit gedanklich heruntergebetet, besonders, wenn anderen den eigenen Glauben anzweifeln. Petrus Wort "Herr, wohin sonst sollen wir gehen?" wird im Wachtturm offiziell auf die Zugehörigkeit zur Organisation der Zeugen Jehovas angewendet.

Ich kann nur empfehlen, wann immer man die Gelegenheit hat, mit Zeugen Jehovas über biblische Lehre zu sprechen und ihnen direkt anhand der Bibel die eigenen Glaubensansichten zu begründen, die in vielen Bereichen massiv von denen der Zeugen abweichen, damit der Heilige Geist durch sein Wort wirken kann und er die Augen öffnet, dass sie in einer pharisäisch ausgelebten Illusion leben und Gottes Blick auf ihre Lehren und ihre Organisation ein ganz anderer ist.

Dienstag, 24. Dezember 2019

Auf der Hochzeit wiedergeborener Christen

Diesen Artikel habe ich geschrieben, nachdem ich vor einigen Jahren das allererste Mal in meinem Leben eine Hochzeit bibelteuer/bibelzentrierter Christen besucht habe

Auf der Hochzeit christlicher Fundamentalisten

Äh ich meine natürlich wiedergeborener Christen

Ich selbst bin gar nicht so lange ein wiedergeborener Christ. Daher habe ich noch nie eine Hochzeit zweier bekennender Christen mit lebendigem Glauben miterlebt. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig beeindruckt. (Mit "wiedergeboren" ist hier ein bibeltreuer, lebendiger Glaube ohne Zusätze gemeint, der das Leben des Gläubigen nachhaltig prägt und ihm die Gewissheit schenkt, ein Kind Gottes geworden zu sein.)
Pseudochristlich halb evangelisch, halb als Zeuge Jehovas aufgewachsen war ich als junger Erwachsener erst selbst einer, bis ich ausstieg. Übrig blieb ein Mensch mit kaum sozialen Kontakten und depressiven Phasen. Von der Persönlichkeit her eigentlich sehr wissbegierig und belesen, las ich über 2, 3 Jahre lang gar nichts mehr. Das Leben langweilte mich und hatte mich gebrochen. Vom Naturell her ein zum Atheismus neigender Skeptiker sah ich trotzdem zu viel in mir, in der Welt und in der Natur, das mich davon überzeugte, dass es etwas Höheres geben muss, dass wir nicht nur das Resultat atheistischer Zufallsmechanismen sind. Aber es erschien mir höchst zweifelhaft, das Alte Testament und die paulinischen Briefe für voll zu nehmen. Nur in den Evangelien, in den Worten Jesu, fand ich einen göttlichen Lichtstrahl, an den ich glaubte. Im Resultat war ich ein Christ ohne Frucht und wohl auch ohne echtem Glauben. (Interessanterweise betete bei meiner offiziellen Gemeindemitgliedschaftsaufnahme ein Bruder, S., dafür, dass er so dankbar ist, dass Gott mich mit diesem gewissen Grundglauben, den ich hatte, zu sich zog und Gott mich letztlich ein Suchender und Fragender bleiben ließ und mich nicht zum verbitterten Ungläubigen machte.)
Erst als ich feststellte, dass die gesamte Bibel wirklich Gottes Wort ist und es sogar einer rationalen Untersuchung und Hinterfragung standhält und dass ich nicht mein Hirn abgeben muss, um zu glauben, suchte ich Gott und er nahm mich an. Ich bekannte meine Sünden und lud Jesus Christus in mein Leben ein. Fortan änderte sich mein Leben. Ich hätte nie gedacht, dass ich freiwillig auf gewisse Dinge im Leben verzichten würde, nur weil ich meinem Vater im Himmel nahe sein will und ihn gefallen möchte. Aus einem fruchtlosen, irgendwie Gläubigen wurde ein wiedergeborener Christ, der Frucht brachte (also an dessen Leben sichtbar wurde, dass er nun ein neues Leben von Gott bekommen hat).
Und vor diesem Hintergrund ereignete sie sich also: Die erste wirklich christliche Hochzeit, die ich je erlebte. Ich will zumindest an dieser Stelle nicht darauf eingehen, wie Hochzeiten bei Jehovas Zeugen ablaufen, sondern mehr darauf, wie die Hochzeit zweier Wiedergeborener ablief.

Die Trauung fand in einem christlichen Gemeindegebäude statt, das einer bibeltreuen Gemeinde gehört, die bund- und blockfrei sind und von der Ausrichtung her irgendwo zwischen Baptisten und Brüdergemeinden angesiedelt werden könnte.
In der Predigt vor der Trauung ging es im Besonderen darum, wie der Glauben die beiden zu Trauenden verändert hat und wie sie für den Herrn brennen. Wie wichtig es ihnen war, dass der Partner auch gläubig ist und begeistert vom Glauben ist. Wie beide ein echtes Herz für Evangelisation haben. Dass sie Kommilitonen im Studium mit in die Gemeinde brachten. Mit Arbeitskollegen über das Evangelium sprachen. Bei Bibelverteilaktionen mitmachten. Wie sie durch ihre eigene Bekehrung geändert wurden. Ein Punkt im Leben, der eine echte Wende darstellte. Es ging um das biblische Bild von Mann und Frau (das im Rahmen des Gender Mainstreaming sicher sehr altbacken wirkt, aber gleichzeitig die heilsame Werte Gottes darstellt. Die Frau, genommen vom Mann, um ihn zu ergänzen. Der Mann, genommen von der Frau, dass er nicht mehr über sich selbst verfügt, sondern zu weiten Teilen von seiner Frau bestimmt wird (1. Kor. 7:4). Ein Paar, das verschmilzt, auch durch Sexualität, und das, wie es Gott selbst sagte, durch nichts mehr auseinandergebracht werden soll. Die gleichwertig sind vor dem Herrn. Wo die Frau vom Mann höher geschätzt wird, als er sich selbst sieht und wo der Mann von seiner Frau unterstützt wird, während er gemäß des Wortes Gottes eine Leitungsposition in der Ehe hat.).
Viele ungläubige Freunde und Verwandte waren da und hörten der Predigt und der danachfolgenden Trauung zu.
Braut und Bräutigam reichten sich die Hand und der trauende Mann und danach der Trauzeuge und die Trauzeugin beteten für das Paar. Um Segen für die Ehe, um Segen für die Feier, in voller Dankbarkeit Gott gegenüber.

Danach fand die Feier statt, wo ein großer Teil, wenngleich auch nicht alle, der beim Gottesdienst anwesenden Gäste eingeladen waren.
Obwohl es in der Gemeinde, wo die beiden herkamen und sich trauen ließen, keine Sanktionen, wie man sie von den Zeugen Jehovas kennt, gibt, verhielten sich alle Gäste äußerst zuvorkommend und angenehm. Viele Gespräche über den Glauben fanden statt, niemand betrank sich (auch wenn man sich problemlos hätte betrinken können). Jeder aß und trank und freute sich, wie es sein Gewissen zuließ. Der DJ legte die auf Hochzeiten übliche Musik auf. Offenbar ließ er bewusst Songs weg, die vollkommen unter der Gürtellinie sind und die man häufig auf "normalen" Hochzeiten hört. Aber es war kein auffälliger Unterschied feststellbar.
Nur sehr wenige rauchten, vielleicht etwas mehr als 5% der Anwesenden. Während hier angemerkt sein soll, dass bei einer Hochzeit von Zeugen Jehovas das Getuschel gleich sehr groß ist, wenn einer ein drittes Bier bestellt oder seine Krawatte zu früh abnimmt. Für mich stets eine Atmosphäre unangenehmer gegenseitiger Kontrolle. Diese fehlte auf dieser Hochzeit vollständig. Jeder schien sich automatisch und von Herzen anständig zu verhalten, ohne die Augen auf dem Verhalten anderer zu haben.

Ich sprach mit einem Pärchen, das nicht gläubig war und mit dem Paar befreundet ist. Sie sagten, dass sie die Atmosphäre außerordentlich besonders und schön finden. Es sei außergewöhnlich, wie sich alle verhalten, gemessen an dem, was sie eigentlich kennen.
Wir tauschten uns über verschiedene Ansichten, auch den Glauben betreffend aus. Über das Evangelium. Dass wir von Gott getrennt und in Sünde gefallen sind, wie wir tagtäglich an Krankheiten, Behinderungen, Unfällen und Tod merken. Hierin hatten sie eine andere Sichtweisen. Das Leben als Fluss, das immer wieder in anderer Form irdisch stattfindet. Der Mensch als Tier, der ihm in keinster Weise überlegen ist. Wir fanden es spannend, uns konstruktiv über unsere unterschiedlichen Ansichten zu unterhalten und sie merkten, dass ich und andere, mit denen sie sich unterhielten, ein Fundament für unseren Glauben haben, das nicht oder nicht nur auf Gefühlen beruht. Sondern dass ich festgestellt habe, dass dies alles die Wahrheit ist. Ich sagte, dass ich insofern tiefenentspannt bin, dass wenn jemand zu mir sagt, er hält meinen Glauben für Unsinn und möchte ihn mir widerlegen, ich der erste bin, der sich auf ein Gespräch bei Bier oder Kaffee zur Verfügung stellt. Wenn mir jemand meinen Glauben wiederlegen kann und er tatsächlich unsinnig sein sollte, so würde ich nicht mehr daran glauben. Warum auch? Ich glaube daran, dass dies nicht möglich ist, weil sich mein Glaube als absolut wahr erwiesen hat. Doch, rein hypothetisch gesprochen, könnte ich mich irren und das gestehe ich mir gerne zu. Daher bin ich ganz entspannt. Ich habe mein halbes Leben lang mit dem Glauben an Gott gehadert und habe einen Abschluss in Evolutionsbiologie. Wer also über Sinn und Unsinn des Glaubens reden möchte - jederzeit gerne.
Ich merkte, dass das Paar zum Nachdenken kam. Könnte es sein, dass an diesem christlichen Jesusglauben wirklich mehr dran ist?
Wir kamen auf das Thema Channeling. Einen bestimmten Autor, der sagt, er habe mit Gott persönlich geredet und dieser habe ihm im Detail erklärt, dass er kein richtender Gott sei und dass wir hier auf der Erde sind, um Erfahrungen zu machen und nicht wie es die Bibel sagt - hier musste ich erstmal meine biblische Ansicht darüber darlegen -, dass wir geistig gesehen tot sind und ins ewige Verderben gehen und dass wir einen Erlöser brauchen. Dass wir ohne Jesus völlig heillos sind und uns schon gar nicht durch eigene Werke irgendetwas verdienen könnten .
Hierbei wurde mir bewusst, dass wirklich sehr viele esoterische und philosophische Werke darin übereinstimmen, dass Gott NUR Liebe sei und kein Richter. Dass wir KEINEN Erlöser bräuchten, sondern unser Leben schon so komplett vollständig und gut sei, wenn wir es doch nur endlich annehmen und leben würden. Und genau dies sehe ich als eine dämonische Botschaft. Sie ist der Ansicht Gottes, wie sie in der Bibel nachgelesen werden kann, diametral entgegen gesetzt. Nun die Frage: Ist es nur ein Zufall, dass wir hier Gegenpole haben oder zeigt dies, dass tatsächlich höhere Kräfte in Bezug auf diese Ansichten am Werk sind? Wie kann sich dies erklärt werden, wenn es nichts Höheres gäbe bzw. wie vernünftig und logisch wäre ein atheistischer Erklärungsversuch?
Des Weiteren fiel auf, dass Menschen, die nicht an Jesus glauben, ihren eigenen Gott haben, von dem sie absolut fasziniert sind und für den sie alles geben. Ernährung, Umweltschutz, Sport, Aussehen, Geld, Karriere, Poetry Slams, Pick-Up-Art. Es scheint, als würde die Leere, in der bei mir Gott ist, durch diese Dinge ausgefüllt werden. Und gerade beim Thema Umweltschutz stellt sich mir die Frage, wo der Nutzen ist, wenn alles, was das Leben bringt, im besten Fall sieben bis acht Jahrzehnte Leben sind. Wo ist der Nutzen diese für die nachkommende Generation zu nutzen, wenn ich selbst davon nichts mehr mitbekomme? Was habe ich von diesem Altruismus?
Wenn ich nach dem Tode danach beurteilt werde, inwieweit ich diese Welt verbessert habe, macht es Sinn. Aber genau daran glaubt ein Atheist nicht und ein Agnostiker i.d.R. auch nicht. Doch gerade im Bereich Umweltschutz hat man es meiner Beobachtung nach sehr häufig mit Agnostikern zu tun, die nicht an Gott glauben oder zumindest glauben, dieser Gott will, wenn es ihn denn gäbe, wenig mit uns zu tun haben. Wozu also das Ganze? Und wenn ich deswegen Umweltaktivist bin, weil ich glaubte, dafür nach dem Tode belohnt zu werden, dann wäre die Frage doch mal sehr spannend, worauf dieser Glaube gründet und ob der christliche Glaube nicht noch besser begründet ist.
Es hat sich mir die Frage gestellt, ob es auch in anderen Kreisen diese Art und Güte von einer positiven Atmosphäre, einem zwischenmenschlich absolut einwandfreien Verhalten und der festen Glaubensüberzeugung, dass Jesus Christus Realität und Herr ist, zu dem man eine persönliche Beziehung hat, gibt. Wie ist es in anderen Kreisen? Fühlt man sich auch so, wenn man auf einer Hochzeit tiefgläubiger Muslime ist? Oder tiefgläubiger Hindus? Nach allem, was ich weiß, ist das weltweit absolut einzigartig und nur unter wiedergeborenen Christen zu finden. Der Glaube nimmt Gestalt an und erwies sich bei diesem freudigen Ereignis als absolut erfahrbare Realität, die keinesgleichen in der Welt hat. Das merkten wohl auch die ungläubigen Gäste nach eigener Aussage.
Ich weiß, wie es bei Jehovas Zeugen ist. Dort raucht niemand, weil er dafür ausgeschlossen werden würde. Dort trinkt niemand übermäßig, weil er ansonsten von den Ältesten streng ermahnt und sanktioniert werden würde. Dort ist jeder bewusst freundlich, weil das in jedem zweiten Wachtturm-Studienartikel als überaus wichtig vermittelt wird. Dort kommt man gerne mit ungläubigen Gästen ins Gespräch, um ihnen zu zeigen, dass Jehovas Zeugen ganz normale Menschen seien. Und weil man nur ewiges Leben bekommen wird, wenn man die Gelegenheiten auch genutzt hat, um mit anderen über seinen Glauben zu reden.
Auf der Hochzeit der beiden wiedergeborenen Christen war es anderes: Niemand benahm sich daneben, weil er es von Innen heraus so wollte. Es war absolut zwanglos. Vielen sah man an, dass sie den Herrn liebten. Die Trauungspredigt war frei von Herzen getextet und wurde nicht von einer Organisation vorgegeben. Gebete wurden im Bewusstsein gesprochen, dass es Worte zwischen uns und unserem Vater im Himmel sind. Freies Denken und freier Austausch war überaus erwünscht.

So hat mich Gott also in einer Hochzeit berührt und mir gezeigt, was echter Glaube bewirkt und wie real und verändernd und bereichernd er für ein Kind Gottes ist und sogar, dass Außenstehende merken, dass da etwas anders ist, obwohl man gerade mit keinen Sektenanhängern zu tun hat. Jeder Gast hätte problemlos alles infrage stellen können. Einer meinte nach der Trauung: Boah, bei dem Frauenbild sind ja 400 Jahre Aufklärung umsonst gewesen. Ja, es ist doch großartig, wenn sich jemand öffnet, wenn man Gedanken frei äußern kann, wenn man sprechen kann und den Verstand zum Denken benutzt, den Gott uns geschenkt hat.
Ich glaube daran, dass das Ergebnis ein Beschäftigung mit wiedergeborenen Christen und ihrer Glaubensgrundlage, der Bibel, sein wird, dass einfach mehr dran sein muss. Es gibt jedoch eine Ausnahme: Derjenige, der nicht glauben will, wird immer genug Gründe finden, nicht zu glauben. Ich glaube, dass dem so ist, weil Gott uns unseren freien Willen auch frei benutzen lässt. Er will niemand, der widerwillig an ihn glaubt, nur weil es rational wäre, an ihn zu glauben. Derjenige kann frei sein Leben leben, wie er es leben will. Wer aber aufrichtig zu Gott kommt und ihn darum bittet, zu erkennen, ob dies nun wahr ist oder nicht und der dann auch noch die Liebe Gottes annehmen wollen würde, wenn sie denn wahr ist - ich glaube derjenige wird gläubig und ein Kind Gottes werden. Ihm wird auch aufgehen, dass Jesus die Schuld von einem nimmt, und das nicht aufgrund von unseren Taten, sondern ohne Gegenleistung (deswegen bezeichnet man es auch als Gnade - sonst wäre es ja ein Lohn, wie Paulus argumentiert, z.B. in Rö. 11:6). Das Plädoyer Jesu lautet: Ich vergebe dir, nun sündige nicht mehr. Das Plädoyer von Religionen und Sekten lautet: Sündige nicht mehr, und vielleicht ist dir Gott gnädig.

In Liebe

Kyp

Dienstag, 20. August 2019

Die Neue-Welt-Übersetzung und Rettung allein aus Gnade (sola gratia)


Jehovas Zeugen glauben nicht an Rettung allein aus Gnade. Der Wachtturm-Studienartikel vom 01.06.2005 trägt bspw. den Titel "Gerettet durch unverdiente Güte, nicht allein durch Werke", während Paulus z.B. auch in Römer 3:23, 24 sagt, dass der Christ "ohne Verdienst", nicht wegen seiner Werke, gerettet ist und in Epheser 2:8, dass es nicht aus Werken ist. 

Es ist der Hauptpfeiler des biblischen Evangeliums, dass Gott uns nicht zusätzlich zu unseren Werken aus Gnade gerettet hat, sondern allein aus Gnade. Er hat nichts Besonderes im wiedergeborenen Christen erkannt, das ihn besser hätte dastehen lassen, als es andere Menschen tun. "Jehovas Zeugen" hingegen glauben daran, dass Gott in jedem Menschen, den er zu "seiner Organisation führte", etwas Wertvolles erkannt hätte, das andere Menschen nicht hätten (auch in Formulierungen wie solchen wird die Organisation an einen Platz gestellt, der nur Jesus gebührt, denn die Bibel sagt, wir müssen zu Jesus kommen, nicht zu einer Religion oder Organisation).
Ist denn mein Verständnis vom Evangelium biblisch? Im Folgenden habe ich die m.E. klarsten Bibelstellen, zum Thema zusammengestellt, kategorisiert nach (1) Stellen, in denen die Neue-Welt-Übersetzung die Rettung allein aus Gnade verschleiert und (2) Stellen, in denen man auch in der Neuen-Welt-Übersetzung die Rettung allein aus Gnade erkennen kann (wenngleich oft durch etwas eigentümlich anmutende Wortwahl). Ich zitiere jeweils aus der Schlachterübersetzung, der NWÜ 2017 und der NWÜ 1986;


Stellen, in denen in der Neuen-Welt-Übersetzung die Rettung allein aus Gnade unterdrückt wird



Johannes 5:24

„24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.“
- Schlachter 2000

„Eins steht fest: Wer auf mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und wird nicht verurteilt, sondern ist vom Tod zum Leben hinübergewechselt.“
- NW 2017 (Neue-Welt-Übersetzung Version von 2017)

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer auf mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben, und er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod zum Leben hinübergegangen.“
- NW 1986 (Neue-Welt-Übersetzung Version von 1986)


1. Thessalonicher 5:9, 10

„9 Denn Gott hat uns nicht zum Zorngericht bestimmt, sondern zum Besitz des Heils durch unseren Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit wir, ob wir wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben sollen.“
- Schlachter 2000

Gott hat uns nämlich nicht dazu bestimmt, seinen Zorn zu verspüren, sondern durch unseren Herrn Jesus Christus gerettet zu werden. 10  Er ist für uns gestorben, damit wir, ob wir wach bleiben oder schlafen, mit ihm zusammen leben.“
- NW 2017

„denn Gott hat uns nicht zum Zorn bestimmt, sondern zum Erwerben der Rettung durch unseren Herrn Jesus Christus. 10  Er ist für uns gestorben, damit wir, ob wir wach bleiben oder entschlafen sind, mit ihm zusammen leben sollten.“
- NW 1986


Stellen, in denen in der Neuen-Welt-Übersetzung (Version 2017) die Rettung allein aus Gnade sichtbar ist


Epheser 2:8, 9

„8 Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch — Gottes Gabe ist es; 9 nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.“
- Schlachter 2000

„8  Dank dieser unverdienten Güte seid ihr durch Glauben gerettet worden. Und das habt ihr nicht euch selbst zu verdanken, sondern es ist ein Geschenk von Gott. 9  Nein, es ist nicht Taten zu verdanken, damit kein Mensch Grund hat, sich zu rühmen.“
- NW 2017

„8  Durch diese unverdiente Güte seid ihr tatsächlich durch Glauben gerettet worden; und dies habt ihr nicht euch zu verdanken, es ist Gottes Gabe. 9  Nein, es ist nicht Werken zu verdanken, damit kein Mensch Grund zum Rühmen habe.“
- NW 1986


Titus 3:4-7

„4 Als aber die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, 5 da hat er uns — nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hätten, sondern aufgrund seiner Barmherzigkeit — errettet durch das Bad der Wiedergeburt und durch die Erneuerung des Heiligen Geistes1, 6 den er reichlich über uns ausgegossen hat durch Jesus Christus, unseren Retter, 7 damit wir, durch seine Gnade gerechtfertigt, der Hoffnung gemäß Erben des ewigen Lebens würden.“
- Schlachter 2000

„4  Als jedoch die Güte Gottes, unseres Retters, und seine Liebe zur Menschheit offenbar wurden 5  (nicht weil wir irgendwelche gerechten Taten vollbracht hatten, sondern wegen seiner Barmherzigkeit), rettete er uns durch das Bad, das uns zum Leben brachte, und durch unsere Erneuerung durch heiligen Geist. 6  Diesen Geist goss er durch Jesus Christus, unseren Retter, reichlich über uns aus, 7  damit wir, nachdem wir durch seine unverdiente Güte für gerecht erklärt worden sind, das ewige Leben erben, auf das wir hoffen.“
- NW 2017

„4  Als jedoch die Güte und die Liebe zum Menschen auf seiten unseres Retters, Gottes, offenbar wurde, 5  rettete er uns, nicht zufolge von Werken, die wir in Gerechtigkeit vollbracht hätten, sondern gemäß seiner Barmherzigkeit durch das Bad, das uns zum Leben brachte, und durch unsere Erneuerung durch heiligen Geist. 6  Diesen [Geist] goß er durch Jesus Christus, unseren Retter, reichlich über uns aus, 7  damit wir, nachdem wir kraft dessen unverdienter Güte gerechtgesprochen worden sind, Erben würden gemäß einer Hoffnung auf ewiges Leben.“
- NW 1986


2. Timotheus 1:9

„9 Er hat uns ja errettet und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht aufgrund unserer Werke, sondern aufgrund seines eigenen Vorsatzes und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben wurde“
- Schlachter 2000

„9  Er hat uns gerettet und uns mit einer heiligen Berufung berufen, aber nicht wegen unserer Taten, sondern weil es sein Wille war und aus unverdienter Güte. Diese wurde uns in Verbindung mit Christus Jesus schon vor langen Zeiten geschenkt,“
- NW 2017

„Er hat uns gerettet und uns mit einer heiligen Berufung berufen, nicht aufgrund unserer Werke, sondern aufgrund seines eigenen Vorsatzes und unverdienter Güte. Diese wurde uns in Verbindung mit Christus Jesus vor langwährenden Zeiten verliehen,“
- NW 1986

  
Römer 3:23, 24

„denn alle haben gesündigt und verfehlen die Herrlichkeit, die sie vor Gott haben sollten, sodass sie ohne Verdienst gerechtfertigt werden durch seine Gnade 6 aufgrund der Erlösung, die in Christus Jesus ist.“
- Schlachter 2000

„Schließlich haben alle gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes. 24  Doch als Geschenk werden sie durch seine unverdiente Güte für gerecht erklärt aufgrund der Befreiung durch das von Christus Jesus bezahlte Lösegeld.“
- NW 2017

„Denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes, 24  und als freie Gabe werden sie durch seine unverdiente Güte gerechtgesprochen aufgrund der Befreiung durch das von Christus Jesus [bezahlte] Lösegeld.“
- NW 1986


Römer 11:6

„Wenn aber aus Gnade, so ist es nicht mehr um der Werke willen; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade; wenn aber um der Werke willen, so ist es nicht mehr Gnade, sonst ist das Werk nicht mehr Werk.“
- Schlachter 2000

„Wenn es nun aus unverdienter Güte ist, dann ist es nicht mehr aufgrund von Taten. Sonst wäre die unverdiente Güte nicht mehr unverdiente Güte.“
- NW 2017

„Wenn es nun durch unverdiente Güte ist, ist es nicht mehr zufolge von Werken; sonst erweist sich die unverdiente Güte nicht mehr als unverdiente Güte.“
- NW 1986


1. Johannes 5:11-13

„11 Und darin besteht das Zeugnis, dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. 13 Dies habe ich euch geschrieben, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, und damit ihr [auch weiterhin] an den Namen des Sohnes Gottes glaubt.“
- Schlachter 2000

„11  Und darin besteht das Zeugnis: dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12  Wer mit dem Sohn verbunden ist, hat dieses Leben. Wer nicht mit dem Sohn Gottes verbunden ist, hat dieses Leben nicht. 13  Ich schreibe euch das alles, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, ihr, die ihr an den Namen von Gottes Sohn glaubt.“
- NW 2017

„11  Und darin besteht das gegebene Zeugnis, daß Gott uns ewiges Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12  Wer den Sohn hat, hat dieses Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat dieses Leben nicht. 13  Ich schreibe euch diese Dinge, damit ihr wißt, daß ihr ewiges Leben habt, ihr, die ihr an den Namen des Sohnes Gottes glaubt.“
- NW 1986

Freitag, 25. Januar 2019

Was lehrt die Bibel über den Tod und den Zustand der Toten?

Folgende Abhandlung ist entstanden, als sich ein Bruder rein anhand der Bibel mit dem Thema "Zustand der Toten" beschäftigt hat. An vielen Stellen merkt man, dass er aus der Sicht eines mit der Lehre der Zeugen Jehovas Vertrauten geschrieben ist. Nichtsdestotrotz rein anhand von Bibelstellen argumentiert und ist so für jeden Wahrheitssucher nützlich. Offensichtlich spricht die Bibel eine klare Sprache zu dem Thema. Auch inwieweit in Gottes Augen Ungerechte Menschen eine zweite Chance bekommen und inwieweit der Tod ein schlafähnlicher Zustand sei. Die Abhandlung ist außerdem in gedruckter Form an manchen bibeltreuen Informationsständen in deutschen Innenstädten erhältlich. Man sollte eigentlich meinen, dass man hunderte Seiten dicke Bücher über die Aussagen der Bibel zum Zustand der Toten schreiben könnte. Aber de facto gibt es nur die nachfolgend genannten 35-40 Bibelstellen, die darüber sprechen. Mehr eindeutige Stellen gibt es nicht in der Bibel. Eine PDF-Version des Artikel ist hier abrufbar.

Was sagt die Bibel über den Tod und den Zustand der Toten?


Ist der Tod ein schlafähnlicher Zustand, wie es Salomo (Prediger 9) und Jesus (Joh. 11) anzudeuten scheinen?

Ist der Tod identisch mit Nichtexistenz oder existiert etwas nach dem körperlichen Tod weiter?



Wenn nicht anders vermerkt zitiert aus der Schlachter-Übersetzung (SCH2000)

I. Was bezeichnet die Bibel als „Seele“?

Dienstag, 25. September 2018

Neue Kleiderordnung bei Jehovas Zeugen

Eigentlich sind sie nicht wirklich neu, aber so plastisch wurden sie selten dargestellt.
Zwar gab es schonmal zwei Darstellungen von vermeintlich zu engen Hosen und einer hippen Frisur, die als völlig unpassend dargestellt wurden, aber nun scheint es in neue Extreme zu gehen, was die Kleidungsregeln betrifft.

In der Wachtturm-Studienausgabe vom Juli 2018 wird auf den Seiten 24 und 25 folgendes dargestellt:


Der Text zum Bild lautet:

"Leider haben einige den Geist der Welt übernommen. Sie unterscheiden sich kaum noch von Menschen, die Gott nicht dienen (1. Kor. 2:12). Der Geist der Welt fördert selbstsüchtige Begierden (Eph. 2:3). Zum Beispiel wurden zu dem Thema äußere Erscheinung schon viele Hinweise gegeben. Trotzdem ziehen sich einige unpassend an. Sie tragen sehr enge, entblößende Kleidung, sogar bei Zusammenkünften. Oder sie haben sehr auffällige Frisuren (1. Tim. 2:9, 10). So ist es in einer Menschenmenge schwer zu unterscheiden, wer ein Freund Jehovas und wer ein Freund der Welt ist (Jak. 4:4).
Auch durch ihr Verhalten unterscheiden sich einige kaum von der Welt. Wie sie auf Partys tanzen und sich dort benehmen, passt nicht zu Christen — genauso wenig wie bestimmte Fotos und Kommentare in sozialen Netzwerken. Auch wenn sie keine schwere Sünde begangen haben, für die sie zurechtgewiesen werden müssten, haben sie dennoch keinen guten Einfluss auf Gleichaltrige, die einen guten Lebenswandel führen möchten. (Lies 1. Petrus 2:11, 12.)"

Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll, wenn man das kommentieren will. Ich fange mal an:

Der Mann auf dem Bild links hat folgende "anstößigen Dinge" aus Sicht der Organisation an sich:
  • Längerer Seitenscheitel (Er könnte problemlos damit in einer Bank arbeiten - bei den Zeugen ist er damit jedoch schon unten durch.)
  • Kein Jackett, kein Sakko. (Ich wusste gar nicht, dass das ein biblisches Erfordernis ist.)
  • Hochgekrempeltes Hemd
  • Armkettchen. (Anscheinend viel zu modisch.)
  • Modisch-schmale Krawatte.
  • Gut sitzende Hose.
Ich werde den Eindruck nicht los, dass man schneller Ältester wird, wenn man einen 40 Euro C&A-Anzug, der geschnitten wie ein Müllsack ist, besitzt.

Die Frau links hat folgende Merkmale, die aus Sicht der Zeugen Jehovas wohl ein Nogo sind:
  • Man sieht die Oberarme.
  • Das Kleid geht nicht über das Knie.
  • Sie hat zwar keinen Ausschnitt, aber einen etwas weiteren V-Ausschnitt.
Des Weiteren ist es lt. diesem Artikel ein Erfordernis für Christen, in einer Menschenmenge anders auszusehen. Auf Biegen und Brechen muss man also etwas besonderes, ein Übermensch sein. Es kann nicht angehen, dass ein Zeuge Jehovas nicht gleichgeschaltet aussieht - als Mann glattrasiert und möglichst unmodisch und als Frau bitte mit bedeckten Oberarmen sowie Knien.

Ich glaube, jeglicher weiterer Kommentar erübrigt sich. Ich bin Christ und ich habe viele Gottesdienste anderer christlicher Religionen erlebt. Dass jemals über solche Dinge gesprochen wurde jedoch nicht. Und nun stellt euch vor: Dort ist mir trotzdem keiner als unpassend gekleidet aufgefallen. Frauen haben sich meistens nicht sehr freizügig gekleidet und Männer liefen auch ordentlich herum. Vermutlich werden pharisäische Regeln nur von denen benötigt, die in ihre Fußstapfen treten wollen.


Montag, 18. Juni 2018

Lauren Stuart - die Zeugin Jehovas, die ihre Familie umbrachte

Der Fall ist leider viel zu krass, als dass ich nicht kurz darauf hinweisen könnte.

Die ausgeschlossene Amerikanerin Lauren Stuart hat ihre Familie, sowohl Mann als auch Kinder, umgebracht, weil sie daran glaubte, dass sie nur so die Chance auf die Auferstehung auf Gottes neuer paradiesischer Erde haben.
Jehovas Zeugen glauben nämlich, dass nahezu jeder, der vor dem zweiten Wiederkommen Jesu stirbt, eine zweite Chance auf Gottes neuer Erde in Gottes Tausendjährigem Reich bekommt.
Bedauerlicherweise führte diese Lehre bei Lauren Stewart dazu, dass sie die einzige Möglichkeit zur "Rettung" ihrer Familie darin sah, alle umzubringen.

An dieser Stelle muss ich darauf hinweisen, dass diese Lehre der zweiten Chance offensichtlich unbiblisch ist. Die Bibel lehrt stattdessen, dass das, was wir in diesem Leben tun, darüber entscheidet, wo wir die Ewigkeit verbringen und es nicht darauf ankommt, ob wir vor dem Gerichtstag Gottes (Jesu zweites Kommen) sterben oder nicht. Eine zweite Chance für nahezu jedermann kennt die Bibel nicht.

Neben Depressionen führte der Glauben an die eigenartige Theologie der Zeugen Jehovas dazu, dass Lauren Stewart ihre Familie hinschlachtete. Leider nahmen nicht sehr viele Menschen davon Kenntnis. Es sollte ein Alarmzeichen dafür sein, dass mit den Auslegungen der Zeugen Jehovas offensichtlich irgendwas nicht stimmt.

Quelle: https://www.christianpost.com/news/woman-who-killed-self-entire-family-shunned-by-jehovahs-witnesses-for-sending-kids-to-college-218658/


Sonntag, 7. Mai 2017

Russland verbietet Jehovas Zeugen: Ein Zeuge sieht darin die Hand Gottes

Russland hat Jehovas Zeugen verboten, da sie als extremistische Religion eingestuft wird, u.a. weil sie intolerant gegenüber anderen Religionen ist und sich als einzig wahre ansieht.

Der Zeuge Jehovas "Fossilisus", der auf seinem Blog Jehovas Zeugen als einzig wahre Religion zu beweisen und zu verteidigen versucht, sieht das natürlich anders. Dass Jehovas Zeugen selbst zu den eigenen Kindern den Kontakt abbrechen oder zumindest auf ein Mindestmaß beschränken sollen, falls diese die Religion verlassen, ist für ihn nicht extremistisch. Er sieht die Zeugen Jehovas als Christentum nach biblischem Vorbild an und betrachtet das russische Urteil daher als ungeheuerlich.

In einem langen Artikel beschwert sich Fossilisus über die Vorgehensweise der russischen Behörden, mit unhaltbaren und fingierten Beweisen.
"Wenn man [...] sich [die von Russland als extremistisch eingestufte Literatur] durchliest, dann kann man nur zur einem eindeutigen Urteil kommen – Zeugen Jehovas sind in den Augen einiger sicherlich keine wahren Christen, man mag sie ebenso für dumm halten, und mit der Leitung nicht einverstanden sein – aber eines würden wohl die wenigsten nach dieser Gerichtsverhandlung schlussfolgern: dass Zeugen Jehovas extremistisch wären."
Für einen Außenstehenden vielleicht nicht - für jemand, der mal drin war sehr wohl. Ich brauche die immergleichen, eindeutig nachweisbaren Gegebenheiten nicht nochmal ausführen, aber es ist vollkommen klar, dass Jehovas Zeugen mehr der katholischen Kirche in Inquisitionszeiten ähneln als dem Christentum des ersten Jahrhunderts. Das mag für jeden Zeugen Jehovas eine krasse Aussage sein, jedoch stellt sich die Frage, welche andere Religion derart mit Exkommunikation, Schuldgefühlen und Gehirnwäsche arbeitet wie Jehovas Zeugen. Wer hier immer noch nicht zustimmen kann, der sei eingeladen, sich auf diesem Blog etwas tiefer in die Regelungen und Vorgehensweisen, die diesbzgl. bei Jehovas Zeugen vorherrschen, einzulesen.
"Ich verfolgte jeden der Gerichtstage mit Interesse, und für mich sah es sehr positiv aus – das Urteil kam dann wie ein überraschender, harter Schlag ins Gesicht. Laut Forum18.org dauerte die Urteilsverkündung keine 2 Minuten, und wurde völlig unüblich von und in der Gegenwart eines einzelnen Richters ausgesprochen. Eine Begründung für das Urteil? Fehlanzeige! Es gab keine vom Richter – nur eine Aussage vor der Presse der Anklage (Justizministerium) – welche nichts neues beinhaltete außer dem was man vorher den Zeugen Jehovas ankreidete: Die Ablehnung von Bluttransfusionen verstöße gegen russisches Gesundheitsrecht. Zeugen Jehovas würden zum Hass anstiften, und wären eine Gefährdung für Ordnung und Sicherheit. Wieso, weshalb, warum…? Klare Fakten oder Begründungen gab es keine!"
Fossilisus, du musst schon in einer großen Blase leben, dass du nicht erkennst, wieso andere von deiner Religion denken, dass sie hasserfüllt, lebensgefährlich und eine Gefahr für die Gesellschaft wäre. Du bist doch ein kluger Typ - versetze dich doch mal in ihre Lage. Ich bin mir sicher, du wirst selbst die Begründungen finden können, die andere benutzen könnten, um so zu denken.

Und nun kommt der Teil, indem Fossilisus die Opferrolle nutzen, um sich der wahren Religion zugehörig zu fühlen:
"Aber was will man erwarten von einer Welt die „in der Macht dessen liegt, der Böse ist“ (1. Johannes 5:19).
Jesus prophezeite über seine Diener: sie werden ihre Hände an euch legen und euch verfolgen, indem sie euch an die Synagogen und Gefängnisse überliefern, um euch vor Könige und Statthalter zu führen um meines Namens willen. Es wird euch aber zu einem Zeugnis ausschlagen….und ihr werdet von allen gehasst werden um meines Namens willen. (Lukas 21:12, 13, 17)
Es ist tatsächlich bereits zu einem Zeugnis ausgeschlagen. Nie zuvor sind Zeugen Jehovas derartigem öffentlichem Interesse begegnet, und wurden in diesem Zusammenhang in vielen Pressemitteilungen mit bedacht."
Wenn der Herr Jesus Christus heute auf die Erde käme und in Russland predigen würde - meinst du, er würde dafür verboten werden, dass er sich gegen Bluttransfusionen aussprach und extremistische Literatur veröffentlichte? Die meisten in Russland ansässigen christliche Kirchen sind deutlich extremer in ihrer Denkweise, als man es den Worten Jesu Christi entnehmen könnte und dennoch nicht verboten, weil sie immer noch weniger extremistisch als Jehovas Zeugen sind. Du vermischt hier die Menschenregeln der Zeugen Jehovas mit der Nachfolge Jesu. Jehovas Zeugen wurden nicht für die Nachfolge Jesu verboten, sondern für Ihre menschlichen Zusatzregeln, die für Russland extremistisch wirken.

Fossilisus sieht sogar Gottes Hand bei dem Prozess:
"Es gab auch unerwartete Lichtblicke während des Prozesses:
1. Am 11. April 2017 feierten Jehovas Zeugen weltweit das Gedächtnismahl, in Erinnerung des Opfertodes Jesu Christi. Dies ist für Zeugen Jehovas der wichtigste Tag im Jahr. Das Gericht und Russland vertagte bemerkenswerterweise ohne Ersuch den Prozess vom 9. April zum 12. April… und hatten dabei sicherlich nicht das Gedächtnismahl der Zeugen Jehovas im Sinn.
2. Eine weitere Vertagung gab es am 12. April bis zum 19. April. Wieder ein besonderes Wochenende für Zeugen Jehovas lag dazwischen, wo weltweit ein Sondervortrag gehalten wurde.
Dank diesen Vertagungen konnten Zeugen Jehovas in Russland ungestört diese beiden für sie wichtigen Ereignisse der Anbetung begehen. Purer Zufall, oder hatte Gott da seine Hände mit im Spiel? – Da darf jeder denken wie er möchte."
Wow - es erinnert mich daran, dass ein Mitglied der Leitenden Körperschaft bei Veröffentlichung der revidierten Neuen-Welt-Übersetzung Gottes Hand im milden Sommer sah, der es ermöglichte, deutlich mehr Exemplare als in einem heißen Sommer möglich zu drucken.

Fossilisus steigert sich noch weiter und vergleicht den russischen Prozess mit der Verurteilung des Sohnes Gottes:
"Die Verurteilung Jesu lief nach einem ähnlichen Schema ab. Pilatus fand „nichts schlechtes“ an Jesus (Matthäus 27: 21-23), überlieferte ihn aber trotzdem auf den Druck des Volkes hin. Das Gericht in Russland fand (davon kann sich jeder überzeugen der das Gerichtsprotokoll liest) ebenfalls nichts schlechtes an Zeugen Jehovas. Aufgrund des Politischen und Religösen Drucks wurden sie dennoch verboten."
Da der tolerante und liberal denkende Fossilisus natürlich nicht zulassen kann, dass jemand auf seinem Blog kritische Kommentare äußert, werden wir wohl nie wissen, ob er meine Ansicht zu seinem Artikel je lesen wird. Ich habe sie ihm dennoch geschickt. Vielleicht wacht auch er eines Tages noch auf.

Ich stelle mir abschließend die Frage, was ich zu einem Fossilisus sagen würde, wenn er denn mit mir spräche. Da er in seiner Denkweise gefangen ist, könnte man ihn, wenn überhaupt, nur sehr sanft und weichesten Fragestellungen zum Hinterfragen seiner Religion bringen. "Manche Christen sehen Jehovas Zeugen als unbiblisch an. Was sagst du zu ihnen, wenn sie dir das sagen?" So wäre es nicht als Kritik formuliert, sondern als ernstgemeinte Frage zu diesem Thema, durch die er sich gewissen Gedanken stellen müsste.
Andererseits geht es dann wieder nur um eine Religion und nicht um Gottes Wege an sich.
Spürst die Leitung von Jesus Christus und vom heiligen Geist bei dir persönlich? Fühlst du dich dem Vater im Himmel nahe? Tröstet er dich, wenn du versagt hast? Hilft er dir, wenn du Kraft brauchst? Oder gehst du den Weg der Zeugen Jehovas, der bedeutet, dass du die Hilfe Gottes hauptsächlich durch "seine Organisation" spüren kannst? ("Wie ein Diener aufmerksam die Hand seines Herrn beobachtet, um dessen Willen zu erkennen, halten Jehovas Diener heute ihre Augen aufmerksam auf die fortschreitende biblisch begründete Anleitung gerichtet, die Jehova ihnen durch seine irdische Organisation zukommen lässt." - Der Wachtturm, 15.02.2003, S. 31)

Update: Die zitierte Passagen wurden am 07.05.2017 seiner Website entnommen. Nachdem Fossilisus meinen Artikel bemerkte, nahm er leichte Änderungen vor. Sollte also ein Unterschied auffallen, liegt es an einer nachträglich Änderung. Natürlich habe ich einen Screenshot von der ursprünglichen Version gemacht. Da Fossilisus ja mitzulesen scheint: Du hast am Ende deines Artikels nun eingeführt "P.S.: Ich hoffe sie konnten den Beitrag in seiner Gänze lesen, ohne sich von Zitatenkleksen daraus auf einer anderen Seite beeinflussen zu lassen." "Sie" wird groß geschrieben, wenn man jemand anspricht. Ich glaube, das hättest du auch ohne Universitätsstudium, von dem jedem Zeugen Jehovas offensiv abgeraten wird, wissen können. Aber schön, dass wir zumindest noch über unsere Webseiten Kontakt haben, wenn du dich schon vor dem persönlichen Gespräch so scheust. Ich hoffe, irgendwann kommt der Tag, an dem nicht mehr Angst dein Hauptantrieb sein wird.

Update 2: Jetzt hast du zwar "Sie" groß geschrieben, aber immer noch einen Kommafehler drin. Schön, dass du hier noch am Ball bist.

Montag, 20. Februar 2017

Der alte Mann, der Zeugen Jehovas hasste (Geschichten-Montag: Aus dem Leben eines Zeugen Jehovas)

Ich erinnere mich an eine Begebenheit nach einem Bezirkskongress in Hamburg ca. 2010. Ich ging mit meiner (leiblichen) Schwester, die ebenfalls Zeuge Jehovas war, zu unserem Auto. Wir waren gut drauf und lachten, weil wir uns bei leichtem Regen zusammen unter einen Schirm zwängten. Wir gingen durch schmale Siedlungsgassen zum Autoparkplatz. Ein alter Mann guckte uns grimmig an und musterte uns. Wir kicherten immer noch vor uns hin, weil es sich so doof anfühlte, sich als Erwachsene zu zweit unter einen Schirm zu quetschen. Der alte Mann rief uns von ca. 3 Metern Entfernung zu, als wir vorbeiliefen: „Sagt mal, seid ihr Zeugen Jehovas?“ Wir sagten: „Ja.“ „Die gehören alle weggemacht.“

Er sagte es exakt so. Keinen Satz davor und keinen danach. Eigentlich waren wir gut drauf. Hatten einen schönen Kongress erlebt. Und dann sagt uns ein grimmiger alter Mann einfach sowas. Es wirkte auf mich wie Hass ohne Grund. Es war eindeutig, dass er mit "weggemacht" sowas wie ausgerottet meinte. Ich kam mir wie im Dritten Reich vor, bevor die Zeugen Jehovas ins KZ gesteckt wurden. Da hat wahrscheinlich eine ähnliche Stimmung vorgeherrscht.

Ich murmelte nur „okay…“ und ging mit meiner Schwester weiter zum Auto. Ich glaube, wir unterhielten uns darüber bei der Heimfahrt nicht. So wie ich meine Schwester kenne, hatte sie es eh schnell wieder aus dem Kopf verdrängt. Doch ich nicht. Mir ging es nach. Ich saß danach auf meinem Balkon. Es war am Abend sonnig und warm. Und ich saß da und dachte nach. Warum nur wurden wir Zeugen Jehovas so gehasst? Warum sagte das ein alter Mann einfach so? Er war ja wohl nicht dämonisiert oder so!?

Ich betete an diesem Tag viel. Dass ich für die Wahrheit leben will, egal wie schwer es sein mag. Und wie dankbar ich für den Kongress bin. Und dass mich Jehova doch leiten möge.

Die Begebenheit ging mir nahe. Sie bestärkte mich in dem Gefühl, in der einzig wahren Religion zu sein. Welcher anderen Religion würde wohl so ein Hass entgegengebracht werden?

Heute frage ich mich, was damals wohl wirklich mit dem alten Mann los war. Hat er ein Familienmitglied an die Zeugen Jehovas „verloren“? Hatte er irgendwelche nachvollziehbaren Gründe für seinen Hass? Oder war er einfach nur ein Spinner, der sich irgendwas einbildete? Kämpfte er wirklich gegen Gott oder hatte er eine andere Geschichte?

Heute habe ich eine andere Sicht, auf die Gründe, weshalb Zeugen Jehovas im Allgemeinen abgelehnt werden und weiß, dass dies meistens nichts mit ihrem vermeintlich christlichem Verhalten, sondern eben mit ihrem in meinen Augen unchristlichen Verhalten zu tun hat. Aber dazu habe ich schon viel an anderer Stelle in diesem Blog veröffentlicht.

Die Situation damals nach dem Kongress fand ich so eigenartig und ich habe so viel darüber nachgedacht und mich dadurch so sehr in meinem Glauben bestätigt gefühlt, dass ich sie aufgeschrieben habe.

P.S.: Ich schreibe schon seit längerem Erinnerungen verschiedene Passagen meines Lebens als Zeuge Jehovas auf, die ich festhalten will. Wie schon hin und wieder mal geschehen :) . Vielleicht wird es mal ein Buch, wer weiß.

In Liebe

Kyp 

Sonntag, 8. Januar 2017

Sind Jehovas Zeugen die wahre Religion, die “vom Geist geleitete Organisation”?


Cover der Wachtturm-
Studienausgabe
vom November 2016
Jehovas Zeugen leben mit der Ansicht, dass Jehova eine Organisation hat. Sie ist ihrer Meinung nach absolut biblisch begründet und eine logische Notwendigkeit. Diese Organisation existiert für sie in Form der organisierten Religion der Zeugen Jehovas, an deren Spitze sieben ältere Herren stehen, die sich selbst als die “Leitende Körperschaft” bezeichnen. Seit 2012 sieht sich diese Gruppe von älteren Männern selbst als den von Jesus in Mt. 25 erwähnten “treuen und klugen Knecht” an (in der Übersetzung der Zeugen Jehovas “treuer und verständiger Sklave”). Die Organisation der Zeugen Jehovas bezeichnen sie als “vom Geist [Gottes] geleitete Organisation”.

In der Wachtturm Studienausgabe vom November 2016 ab Seite 9 begründen Jehovas Zeugen, warum sie was wie organisiert haben und wollen dabei den Eindruck vermittelt, dass ihre Organisation voll und ganz nach biblischem Vorbild strukturiert ist.
Werfen wir einen Blick darauf und gucken wir, ob die dort gelieferten Begründungen biblisch haltbar sind. Ich empfehle, den Artikel vor oder parallel zum Lesen dieser Abhandlung zu lesen, um die Denkweise der Zeugen Jehovas besser nachvollziehen zu können. Sternchen * in dieser Abhandlung verweisen auf tiefergehende Informationen zum jeweiligen Thema, die am Ende des Blogeintrags stehen.
Erste Seite des hier behandelten
Artikels der Wachtturm-Studien-
ausgabe vom Nov. 2016

Die drei Fragen am Anfang der Artikels lauten:

Was überzeugt dich davon, dass Jehova ein unvergleichlich guter Organisator ist?
Warum ist es vernünftig zu erwarten, dass Jehovas Anbeter organisiert sind?
Wie hilft uns der Rat aus Gottes Wort, die Reinheit, den Frieden und die Einheit zu bewahren?
Wenn Jehova etwas organisieren möchte, dann wird er das als Allmächtiger Gott mit allem was dazugehört logischerweise unvergleichlich tun. Macht ihn das zu einem “unvergleichlich guten Organisator”? Möchte Gott, dass wir ihn so nennen? Was wäre der Sinn davon?

Das Wort “Organisator” an sich ist ein Substantiv. Sicherlich hätte es Jehova in der Bibel erwähnt, wenn er für seine organisatorischen Fähigkeiten bei den Menschen bekannt sein möchte. Und er beschreibt sich zwar selbst auf viele verschiedene Weisen in der Heiligen Schrift, aber nicht einmal bezeichnet er sich selbst als Organisator. Man stelle sich vor, das erste der Zehn Gebote würde wie folgt lauten:

“Ich bin Jehova, dein Organisator, der dich aus dem Land Ägypten, aus der Sklaverei, herausführt hat. Du sollst keine anderen Organisatoren neben mir haben” (Ex. 20:2, 3).

Wie in den drei Eingangsfragen des Wachtturmartikels anklingt, ist der Zweck des Artikels zu erkennen, dass alles was Jehova tut einen beachtlichen Grad der Organisation in sich birgt. Damit im Hinterkopf werden wir dann zu dem Gedanken bewogen, dass es nur eine Organisation gibt in der wir Jehova so anbeten können, wie er es möchte. Organisation müsste es demnach sein, was das Erkennungszeichen wahrer Christen ist; oder mit den Worten von Johannes 13:35 (Achtung Ironie): “Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: Wenn ihr organisiert seid.”
Die Bibel verwendet weder das Wort “Organisation”, noch spricht sie von der Notwendigkeit, organisiert zu sein, um Gottes Wohlgefallen haben zu können - die Schreiber des Artikels hatten also eine große Aufgabe vor sich: Wie beweist man die Wichtigkeit des Organisiertseins anhand der Bibel? Hierzu bedienen sich die Absätze 3 bis 5 der Astronomie. Ist das Universum auf eine uhrenwerkartige Weise organisiert? Wir konnten bislang kollidierende Galaxien nachweisen und Sterne, die eine derartige Masse erreicht hatten, dass sie kollabierten, explodierten und zu einem schwarzen Loch wurden, das alles um sich herum einsaugt. Unser Sonnensystem hat sich nach aktueller Forschung aus eine Kollision von Sternentrümmern gebildet. Einige dieser Trümmer existieren noch in einem Asteroidengürtel und am Rande unseres Sonnensystems in der sog. Oort’schen Wolke. Von dieser Wolke gehen gefährliche Kometen zur Erde hin aus und Asteroiden vom erwähnten Gürtel. Wissenschaftler glauben, dass ein hieraus resultierender Einschlag den Dinosauriern ein Ende bereitete. Das spricht alles eher weniger für minutiöse Organisation. Könnte es sein, dass Jehova Dinge in gang setzt und ihnen freien Lauf lässt? Oder liegt eine tiefere Weisheit dahinter?
Die Organisation der Zeugen Jehovas vermittelt den Gedanken, dass Jehova der große Uhrenbauer ist; dass alles, was er tut, minutiöse Organisation beinhaltet und dass es im Universum keine Zufallsereignisse gibt. Diese Ansicht deckt sich jedoch nicht mit wissenschaftlichen Beobachtungen, noch wird sie von der Bibel gestützt. Das Leben ist deutlich interessanter, als es uns JW.org glauben machen möchte.

Nichtsdestotrotz geht der Schreiber des Wachtturm-Artikels anscheinend davon aus, dass wir blind akzeptieren, dass alles im Universum akribisch organisiert sei und wir im Folgenden dann zu der Schlussfolgerung gelangen können, auch wir müssen organisiert sein, damit alles seine Richtigkeit hat. Es geht mir natürlich nicht darum, dass alles Organisierte schlecht ist, aber die Frage ist berechtigt, ob die Organisation von Gott ins Leben gerufen wurde, wie es Jehovas Zeugen schließlich behaupten.

Von Gott organisiert?

Um den Faden nicht zu verlieren, möchte ich kurz wiederholen, was der Wachtturmleser bereits weiß, wenn er sich mit diesem Artikel beschäftigt. Immer wenn die Publikationen, Videos und Broadcasts von JW.org von “Gottes Organisation” sprechen, meinen sie die Organisation der Zeugen Jehovas. Für einen kritischen Denker ist es eigentlich nicht in Ordnung, sie Gottes Organisation zu nennen, solange für einen noch nicht klar ist, ob dem wirklich so ist. Ich zitiere den Artikel im Folgenden dennoch mit dieser stark gefärbten Sprache.

Das Universum ist wirklich ein Wunderwerk der Organisation. Es muss Jehova daher am Herzen liegen, dass auch seine Anbeter gut organisiert sind. Deshalb hat Jehova uns die Bibel als Anleitung gegeben. Ein Leben ohne seine Maßstäbe und seine Organisation hätte Unglück und Elend zur Folge.- Absatz 6
Der Artikel möchte uns zu folgender Gedankenkette bringen:
Zunächst wird dargelegt, dass Jehova möchte, dass wir wie alles andere auch gut organisiert sind. Dann wird uns gesagt, dass Gott uns die Bibel gab, um uns darin anzuleiten, uns besser zu organisieren. (Sollten wir eigentlich annehmen, dass uns Jehova verwirft, falls wir den Grundsätzen der Bibel bzgl. Moral, Liebe, Glauben und Hoffnung folgen, aber NICHT entsprechend organisiert sind?) Und schließlich sollen wir erkennen, dass die Bibel nicht genug ist: Wenn wir ohne der Organisation der Zeugen Jehovas leben, werden wir unglücklich und elend enden.

Die Hilfe, von der gesprochen wird, beinhaltet ihre Interpretation der Bibel. Beispiel:

Die Bibel ist keine zusammenhanglose Sammlung jüdischer und christlicher Texte. Ihr Aufbau ist gut durchdacht — ein von Gott inspiriertes Meisterwerk. Die einzelnen Bibelbücher sind miteinander verknüpft. Vom ersten Buch Mose bis zur Offenbarung zieht sich ein Thema wie ein roter Faden durch die Bibel: die Rechtfertigung der Souveränität Jehovas und die Verwirklichung seines Vorsatzes für die Erde durch sein Königreich unter Christus, dem verheißenen Nachkommen. (Lies 1. Mose 3:15; Matthäus 6:10; Offenbarung 11:15.) - Absatz 7
Jehovas Zeugen erzählen uns hier also, dass das zentrale Thema der Bibel die “Rechtfertigung der Souveränität Jehovas” sei. Machen Sie doch einfach mal eine Suche in der Watchtower Library (online und auf CD verfügbar) zu den Begriffen “Rechtfertigung” und “Souveränität” und ähnliche Wörtern. Es wird Sie überraschen, dass diese Begriffe in der Bibel nicht einmal vorkommen.* Falls das Hauptthema der Bibel gar nicht das ist, was Jehovas Zeugen hier behaupten, was ist es dann? Falls wir mit Wachtturmartikeln wie diesem vom eigentlichen Zweck der Bibel weggeführt werden, dann sind wir aus christlicher Sicht doch erst Recht im Begriff “unglücklich und elend” zu enden.


JW.org - teils jüdisch, teils christlich

Um zu belegen, dass die Organisation der Zeugen Jehovas biblisch und notwendig ist, wird sich im Wachtturmartikel nun wieder auf Israel als Modell für die moderne Christenversammlung bezogen.
Die Israeliten in alter Zeit waren ein Beispiel für gute Organisation. So gab es unter dem mosaischen Gesetz „Frauen, die am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft organisierten Dienst taten“ (2. Mo. 38:8). Zogen die Israeliten mit der Stiftshütte weiter, geschah dies geordnet. Später teilte König David die Leviten und Priester in gut funktionierende Abteilungen ein (1. Chr. 23:1-6; 24:1-3). Gehorchten die Israeliten Jehova, wurden sie mit Ordnung, Frieden und Einheit gesegnet (5. Mo. 11:26, 27; 28:1-14).- Absatz 8
Natürlich waren sie organisiert, als Gott Millionen von Menschen durch die lebensfeindliche Wüste nach Kanaan schreiten ließ. Jehova ist natürlich fähig, zu organisieren, wenn ein Ziel erreicht werden soll, für das eine Organisierung notwendig ist. Als die Israeliten im Verheißenen Land ankamen und sich niederließen verschwand dieser Grad der Organisation wieder. Um genau zu sein war es die Wiedereinführung einer straffen Organisation unter einer menschlichen Autorität, die alles Erreichte wieder zunichte machte.
“In jenen Tagen gab es keinen König in Israel. Jedermann war gewohnt, zu tun, was in seinen eigenen Augen recht war” (Ri. 17:6, NW).

Das klingt kaum nach einer Organisation unter einer zentralen Autorität. Warum benutzt man eigentlich nicht diese Beschreibung als Vorbild für die moderne Christenversammlung und stattdessen die gescheiterte Struktur Israels, die durch ihren fehlgeleiteten Wunsch nach einem menschlichen König, der sie regieren sollte, entstand?

Gab es im ersten Jahrhundert eine Leitende Körperschaft?

Die Absätze 9 und 10 versuchen eine Grundlage für die heutige Leitende Körperschaft zu legen, indem dort gesagt wird, es habe im ersten Jahrhundert ein Gegenstück existiert. Dies ist jedoch nicht wahr. Bei einer einzigen Begebenheit gaben die Apostel und älteren Männer von Jerusalem eine Anweisung an alle Versammlungen jener Tage weiter, und das nur, weil Männer aus ihren eigenen Reihen das zugrundeliegende Streitthema aufbrachten. Also war es auch ihre Aufgabe, dazu Stellung zu nehmen. Darüber hinaus gibt es keinen Beweis dafür, dass sie allen Versammlungen, die auf der damaligen Welt verteilt waren, angeleitet hätten. Es ist genau das Gegenteil der Fall. Wer führte denn z.B. die Bezeichnung “Christen” ein? Sie kam aus der nichtjüdischen Versammlung in Antiochia (Apg. 11:26). Auch wurden Paulus und seine Begleiter nicht von einer Leitenden Körperschaft auf seine drei Missionsreisen entsandt. Es war wiederum die Versammlung in Antiochia, die Paulus damit beauftragte und unterstützte.**

Hältst du dich an Anweisungen?

“Sich an Anweisungen zu halten” klingt harmlos. Es ist jedoch ein Euphemismus bei Jehovas Zeugen für “kritiklosen Gehorsam”. Schnelle und bedingungslose Unterordnung unter die Anordnungen der Männer, die in der Organisation der Zeugen Jehovas die Führung innehaben, ist das, was erwartet wird.
Wie sollten sich Mitglieder von Zweig- oder Landeskomitees, Kreisaufseher oder Versammlungsälteste verhalten, wenn sie von Gottes Organisation Anweisungen bekommen? Jehova fordert uns alle in seinem Wort auf: „Gehorcht . . . und seid unterwürfig“ (5. Mo. 30:16; Heb. 13:7, 17). Eine kritische oder rebellische Einstellung ist in Gottes Organisation fehl am Platz, da sie die Liebe, den Frieden und die Einheit einer Versammlung stören könnte. Sicher möchte kein loyaler Christ so respektlos und illoyal sein wie Diotrephes. (Lies 3. Johannes 9, 10.) Fragen wir uns: Trage ich in meinem Umfeld zu einer geistig erbauenden Atmosphäre bei? Bin ich bereit, Anweisungen von verantwortlichen Brüdern sofort anzunehmen und mich daran zu halten?- Absatz 11
Die ersten beiden Sätze des 11. Absatzes führen zu dem Eindruck, dass die Bibel den Zweikomitees, Kreisaufsehern und Versammlungsältesten ans Herz legt, gehorsam und sich unterordnend gegenüber der Leitenden Körperschaft zu verhalten. Zwei Verse werden als Quelle angegeben.
In 5. Mose 30:16 geht es um die Gebote Gottes, nicht um die “Gebote von Menschen” oder die “Anweisungen” der Organisation der JZ. Und in Hebräer 13:17 geht es nicht um bedingungslosen Gehorsam bezüglich den Anweisungen von Menschen. Das griechische Wort peithó, das hier gebraucht wird, bedeutet “überzeugt sein”, “Vertrauen haben”. Nicht “gehorchen”. Wenn die Bibel davon spricht, Gott zu gehorchen, wie z.B. in Apg. 5:29, benutzt sie ein anderes griechisches Wort.*** Auf welcher Grundlage sollte man dazu bewogen sein, den Anweisungen der Ältesten, des Kreisaufsehers oder der Leitenden Körperschaft Folge zu leisten? Sollte es nicht Gottes inspiriertes Wort sein? Was also, falls die Anweisungen konträr zu diesem inspirierten Wort stehen? Wem sollten wir dann gehorchen?
Eine kritische oder rebellische Einstellung ist in Gottes Organisation fehl am Platz, da sie die Liebe, den Frieden und die Einheit einer Versammlung stören könnte. Sicher möchte kein loyaler Christ so respektlos und illoyal sein wie Diotrephes.- Absatz 11
Für den Vergleich mit Diotrephes, der bei jedem gebracht wird, der nicht bereitwillig der Leitung der Leitenden Körperschaft folgt, sollten wir im Sinn behalten, dass es der Apostel Johannes war, dem Diotrephes widerstand. Somit wird eine Parallele zwischen dem von Jesus ernannten Apostel Johannes und den selbsternannten Gliedern der Leitenden Körperschaft gezogen.
Jehovas Zeugen haben lange Zeit den Papst und andere Kirchenpersönlichkeiten in großem Maße kritisiert. Dennoch ziehen sie es nicht in Erwägung, dass sie mittlerweile vielleicht selbst eine Position wie die des Diotrephes einnehmen. Was sind überhaupt die Kriterien dafür, dass jemand als neuzeitlicher Diotrephes gilt? Wann ist es in Ordnung, einer geistlichen Autorität ungehorsam zu sein? Und können die gleichen Kriterien auch auf Zeugen Jehovas angewandt werden?

Wer ernannte Timotheus?

Um die Notwendigkeit der bedingungslosen Unterstützung der Anweisungen der Leitenden Körperschaft zu veranschaulichen wird folgendes Beispiel gebracht:
Denken wir an eine Entscheidung, die die leitende Körperschaft vor einiger Zeit traf. Im Wachtturm vom 15. November 2014 wurde in „Fragen von Lesern“ eine geänderte Vorgehensweise bei der Ernennung von Ältesten und Dienstamtgehilfen erklärt. Wie ausgeführt wurde, bevollmächtigte die leitende Körperschaft im 1. Jahrhundert reisende Aufseher, solche Ernennungen vorzunehmen. Gemäß diesem Vorbild ernennen Kreisaufseher seit dem 1. September 2014 Älteste und Dienstamtgehilfen.- Absatz 12
Als Begründung für diese Änderung wird die Struktur im ersten Jahrhundert angeführt. Wie es immer öfter der Fall ist, wird auch hier keine biblische Basis angeführt, um die Behauptung zu stützen, dass es damals so gewesen ist. Haben die älteren Männer und Apostel in Jerusalem - also das, wovon die heutige Leitende Körperschaft behauptet, es sei die Leitende Körperschaft im ersten Jahrhundert gewesen - wirklich reisende Aufseher autorisiert solche Ernennungen vorzunehmen? Timotheus ist als Beispiel in den im Absatz angeführten Bibelversen genannt. Wer hat Timotheus autorisiert, Älteste in den Versammlungen zu ernennen, die er besuchte?
“Diesen Auftrag vertraue ich dir an, Kind, Timotheus, gemäß den Voraussagen, die direkt zu dir hingeführt haben, damit du durch diese den vortrefflichen Kriegszug fortsetzest” (1. Tim. 1:18, NW).
“Vernachlässige die Gabe in dir nicht, die dir durch eine Voraussage verliehen wurde und dadurch, dass dir die Körperschaft der älteren Männer die Hände auflegte” (1. Tim. 4:14, NW).
“Gerade au diesem Grund erinnere ich dich daran, die Gabe Gottes, die durch das Auflegen meiner Hände in die ist, wie ein Feuer anzufachen” (2. Tim. 1:6, NW).

Timotheus kam aus Lystra und nicht aus Jerusalem. Von dem eben Zitierten wird klar, dass der Apostel Paulus und die Ortsältesten die Gaben des Geistes in Timotheus am Werke sahen. Das und die Voraussagen über ihn, die durch den Heiligen Geist gemacht wurden, hat sie dazu bewogen, ihm die Hände aufzulegen und ihn für die vorliegende Arbeit auszusenden. Wir könnten nun argumentieren, dass ja durch die Anwesenheit des Paulus die sogenannte Leitende Körperschaft von Jerusalem dabei mitwirkte. Doch die Schrift sagt das Gegenteil.

“Nun befanden sich in der Ortsversammlung in Antiọchia Propheten und Lehrer: Bạrnabas und auch Sịmeon, genannt Nịger, und Lụcius von Kyrẹne und Mạnaën, der mit Herodes, dem Bezirksherrscher, erzogen worden war, und Saulus. Während sie Jehova öffentlich dienten und fasteten, sprach der heilige Geist: „Sondert mir von allen Personen Bạrnabas und Saulus für das Werk aus, zu dem ich sie berufen habe.“ Da fasteten und beteten sie und legten ihnen die Hände auf und ließen sie gehen” (Apg 13:1-3, NW).

Die Berufung und Autorisierung von Saulus (Paulus), seine Dienstreisen fortzusetzen kam nicht von Jerusalem, sondern Antiochia. Sollten wir also annehmen, dass Antiochia die Leitende Körperschaft des ersten Jahrhunderts bildete? Wohl kaum. Die Schrift zeigt klar, dass alle Ernennungen vom Heiligen Geist gemacht wurden und keinem zentral organisierten Komitee oder deren reisenden Aufsehern.

Von denen überzeugt sein, die die Führung übernehmen (Heb. 13:17)

Jetzt kommt ein Hinweis im Wachtturm, dem wir wirklich folgen sollten.
“ Wir müssen den biblisch fundierten Rat der Ältesten befolgen. Diese loyalen Hirten der Organisation Gottes lassen sich von den „gesunden Worten“ aus der Bibel leiten (1. Tim. 6:3)” - Absatz. 13
Wenn der Rat auf die Bibel gestützt ist, dann sollten wir ihm unter allen Umständen nachkommen, ganz egal wo er herkommt (Mt. 23:2, 3). Dennoch müssen wir 1. Timotheus 6:3 zufolge keinem Rat folgen, der nicht auf die Bibel gestützt ist und eben nicht gesund und nützlich ist.
“Wenn jemand eine andere Lehre lehrt und den gesunden Worten, denen unseres Herrn Jesus Christus, und der Lehre, die der Gottergebenheit entspricht, nicht zustimmt, so ist er vor Stolz aufgeblasen und versteht nichts, sondern ist wegen Streitfragen und Debatten über Worte geistig krank. Aus diesen Dingen entspringen Neid, Streit, Lästerreden, böse Verdächtigungen, heftige Wortwechsel um Kleinigkeiten von seiten der Menschen, die verderbten Sinnes und der Wahrheit beraubt sind und denken, Gottergebenheit sei ein Mittel zum Gewinn” (1. Tim. 6:3-5, NW).

In solchen Fällen sollten wir also absolut nicht folgen. Ein praktisches Beispiel können wir im nächsten Absatz sehen.
[Paulus] forderte die Ältesten auf, den unmoralischen Mann „dem Satan [zu] übergeben“ — ihn also auszuschließen. Um die Reinheit der Versammlung zu bewahren, mussten die Ältesten den „Sauerteig“ entfernen (1. Kor. 5:1, 5-7, 12). Wird heute ein reueloser Sünder ausgeschlossen, sollten wir hinter der Entscheidung der Ältesten stehen. Dadurch tragen wir zur Reinheit der Versammlung bei und möglicherweise auch dazu, dass die Person bereut und die Vergebung Jehovas sucht.” - Absatz 14
Paulus schrieb seine Briefe an ganze Versammlungen, nicht unter Verschluss an die Ältestenschaft (Kol. 4:16). Seine im Absatz zitierten Worte wurden an alle Brüder und Schwestern der Versammlung in Korinth gerichtet. Wenn wir sowohl die Mahnung, ‘einen bösen Menschen aus der Mitte zu entfernen’ und den anschließenden Appell an alle, zu vergeben, betrachten, dann sehen wir klar, dass die Versammlung angesprochen wurde und nicht nur die Ältesten (1. Kor. 5:13; 2. Kor. 2:6, 7).
Heute schließen die Ältesten hinter verschlossenen Türen einzelne Zeugen Jehovas im Geheimen aus und keiner weiß, was überhaupt die Sünde war oder weshalb derjenige ausgeschlossen wurde. Das ist im Widerspruch zu den klaren Anweisungen Jesu in Matthäus 18:15-17.**** Um dem Rat aus 1.Timotheus 6:3-5 zu folgen sollten wir den Anweisungen in Absatz 14 also nicht Folge leisten.

Die Essenz nicht erkennen

In Korinth gab es noch ein Problem, das angegangen werden musste. Einige brachten ihre Brüder vor Gericht. Paulus stellte ihnen die ernüchternde Frage: „Warum lasst ihr euch nicht lieber Unrecht tun?“ (1. Kor. 6:1-8).
- Absatz 15
Absatz 15 macht einen Aufruf zur Einheit bezüglich strittigen rechtlichen Angelegenheiten zwischen Brüdern, indem er 1. Kor. 6:1-8 zitiert. Das ist ein guter Ratschlag, aber er verliert an Gewicht durch die fehlgeleitete Lehre der Organisation über die anderen Schafe. Warum? Weil die anderen Schafe gemäß der Organisation eben nicht “Engel richten” werden, was wiederum den Ausführungen Pauli in 1. Korinther 6:3 den Boden entzieht.***** “Oder wißt ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden? Und wenn durch euch die Welt gerichtet werden soll, seid ihr da nicht geeignet, ganz geringfügige Dinge rechtlich zu entscheiden? Wißt ihr nicht, daß wir Engel richten werden? Warum also nicht Dinge dieses Lebens?” (1. Kor. 6:2, 3; NW)

Einheit vs. Liebe

Absatz 16 appelliert an die Einheit. Liebe lässt Einheit als natürliches Resultat entstehen, aber Einheit kann eben auch ohne Liebe bestehen. Auch der Teufel und seine Dämonen haben gewisse Einheit untereinander (Mt. 12:26). Einheit ohne Liebe hat für Christen keinen Wert. Was Jehovas Zeugen eigentlich meinen, wenn sie von Einheit reden, ist Konformität, oder noch krasser ausgedrückt: Gleichschaltung. Konformität zu den Anweisungen der Leitenden Körperschaft, der Zweigbüros, der Kreisaufseher und der Ortsältesten erzeugt eine Form der Einheit, aber ist das die Art von Einheit, die Jehova Gott segnet?

Ausschlussangelegenheiten falsch gehandhabt

Absatz 17 scheint uns eigentlich ausgeglichenen, auf die Bibel gestützten Rat zu geben.
“Damit die Einheit und Reinheit einer Versammlung erhalten bleibt, müssen sich die Ältesten unverzüglich mit Rechtsangelegenheiten befassen und dabei liebevoll vorgehen.“- Absatz 17
Illustration aus: Der Wachtturm,
Studienausgabe, Nov. 2016, S. 13
Man muss nur kurz im Internet nach News oder Artikeln über Jehovas Zeugen suchen und schon wird man Informationen darüber finden, wie diese “Rechtsangelegenheiten” (gemeint sind Ausschlussverfahren) gehandhabt werden und dass diese eben nicht zu “Reinheit” und Einheit führen. Die Ausschlussregelungen sind die umstrittendsten und folgenreichsten Aspekte, wegen denen die Organisation heute in der Kritik steht.

Es ist wichtig, die Versammlung rein zu halten, aber wenn wir wir von dem Vorgehen abweichen, das unser Herr Jesus Christus vorgab, dann werden wir sicherlich Schwierigkeiten bekommen und Schande auf seinen Namen und den unseres Vaters im Himmel bringen.

Besonders deutlich wird das, wenn jemand aus freien Stücken heraus kein Zeuge Jehovas mehr sein will, ohne dass etwas vorgefallen wäre, weshalb er hätte ausgeschlossen werden können. (Bei Jehovas Zeugen nennt man das “die Gemeinschaft verlassen”.) Manchmal hat das dazu geführt, dass schwache Mitglieder wie z.B. Opfer von Kindesmisshandlung von ihrer Familie und ihrem Freundeskreis gemieden werden, wenn sie die Zeugen Jehovas deshalb verlassen haben, weil sie vom Vorgehen der Organisation empört, enttäuscht und verletzt waren (Mt. 18:6).

Wie Absatz 17 weiter beschreibt, zeigen wir zwar auf, was die Bibel uns anweist, wir halten uns nur nicht daran.
“Einige Monate später schrieb er den Korinthern einen zweiten Brief. Wie dieser zeigt, waren in der Versammlung Fortschritte zu erkennen, weil die Ältesten den Rat des Apostels umgesetzt hatten.”- Absatz 17
“Einige Monate später” wies Paulus die Versammlung an, den Mann wiederaufzunehmen. Es wird im Wachtturmartikel zwar gesagt, dass in diesem biblischen Beispiel die Wiederaufnahme “einige Monate später” bereits nach dem “Ausschluss” erfolgt war, aber davon wird kein Rat an die heutigen Ältesten abgeleitet. Jeder Älteste weiß, dass man bei Jehovas Zeugen mindestens ein Jahr ausgeschlossen sein muss, um wiederaufgenommen zu werden. Ich habe selbst einige Ältestenschaften erlebt, die sich vor dem Kreisaufseher dafür rechtfertigen mussten, dass sie jemand vor Ablauf von 12 Monaten wieder aufnahmen. Dieses ungeschriebene Gesetz wird über verschiedene Wege vermittelt. Zum Beispiel wurde auf dem regionalen Kongress im letzten Jahr (2016) ein Video abgespielt, das eine Schwester zeigte, die wegen “Hurerei” ausgeschlossen wurde. Nach 15 Jahren, als sie schon lange nicht mehr das, weshalb sie ausgeschlossen wurde, tat, hat sie sich darum bemüht, wiederaufgenommen zu werden. Passierte das sofort? Nein. Sie musste ein ganze Jahr (!) warten, bis sie wiederaufgenommen wurde. ‘Wir ehren Gott mit unseren Lippen, aber unsere Herzen sind weit von ihm entfernt’ (Mk. 7:6).

Was wirklich wichtig ist

In einer Versammlung, der Jesus Christus vorsteht, ist Liebe das wirklich wichtige Element (Joh. 13:34, 35; 1. Kor. 13:1-8). In einer Organisation jedoch, die von Menschen gestaltet wird, ist das wichtigste Gehorsam, Fügsamkeit und Konformität. Das einzige, was dort zählt, ist, dass die Anweisungen befolgt werden (Mt. 23:15).




Fußnoten

* Zu mehr Informationen, warum das gesagt werden kann, empfehle ich die Artikel: Vindicating Jehovah’s Sovereignty und Why Do Jehovah’s Witnesses Preach the Vindication of Jehovah’s Sovereignty?

** Zu der Frage, ob es im ersten Jahrhundert nun eine Leitende Körperschaft oder nicht gab, siehe: 
Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas - eine biblische Vorkehrung?
*** Für mehr Informationen zu dem verwendeten griechischen Wort und was damit gemeint ist siehe: To Obey or Not to Obey—That Is the Question

**** Für eine detaillierte Analyse, die betrachtet, wie die Organisation Bibeltexte für die Ausschlusspraxis “missbraucht”, siehe Matthew 18 Revisited, die Artikelserie Exercising Justice sowie II. Ausschluss, Gemeinschaftsentzug, Exkommunikation

***** Ein ausführliche Abhandlung zu der Lehre der anderen Schafe anhand der Bibel findet sich in den Artikeln Adopted! und Going Beyond What Is Written, sowie in Der neue Gesalbe



Dieser Artikel basiert auf einem Artikel meines Bruders Meleti Vivlon von Beroean Pickets.
Die Abkürzung "NW" steht für die Bibelübersetzung der Zeugen Jehovas ("Neue-Welt-Übersetzung").